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Echtzeit, Eigenzeit und Langeweile

Wer sich mit der Zeit beschäftige, beschäftige sich automatisch mit der Gesellschaft, sagt der Philosoph Rüdiger Safranski im Interview mit dem Tages-Anzeiger. Im Umgang mit Langeweile erkenne man besonders gut, was mit dem Menschen los sei. Nur in ereignisarmen Zeiten erlebe man das Vergehen der Zeit unmittelbar.

Leere sei nicht nichts, sondern das Verstreichen von Zeit. Wer gewissermassen Zeit nackt erleben wolle, komme um die Langeweile nicht herum. Und alles was wir machten, sei eine einzige grosse Anstrengung, um die Erfahrung von Langeweile und damit des Nichts zu meiden.

Für Safranski gilt wie für den Philosophen Martin Heidegger, dass der Sinn von Sein im Vergehen liege – und nicht im Festhalten der Zeit. Die Zeit sei etwas, dass einem immer entgleite. Dabei sei es so, dass sowohl Individuen wie auch Gesellschaften eigene Zeitabläufe hätten. Die Lebensbereiche haben je ihre Eigenzeiten. Die Frage, wer sich nach wem richte, sei also sehr politisch.

Laut Safranski ist unsere Eigenzeit bedroht – durch mehr Tempo und vor allem durch viel mehr Gleichzeitigkeit; die Erfahrung, in Echtzeit an allem teilnehmen zu können, ist ganz neu. Die damit verbundenen Unmengen von Reizen überfordern: „Wir können nicht mehr angemessen darauf reagieren. Daraus entsteht ein fundamentales inneres Ungleichgewicht mit latenter Panik und Hysterie aufgrund nicht abgeführter Energie.“ Der Mensch wäre wohl fähig, irgendwie auch damit fertig zu werden, doch es tue sich heute Ungeheures! Mehr