Archiv 2015-2

19. Dezember 2015, Geschichtsschreibung

Geschichte hilft, Zukunft zu schreiben

Geschichte aufarbeiten, ist oft der Schlüssel zum besseren Verstehen. Und so Voraussetzung, um Zukunft zu gestalten. So jüngst geschehen mit der kritisch kommentierten Edition zu Hitlers „Mein Kampf“.

Noch immer sei es keineswegs selbstverständlich, von Hitlers Werk, das Leser mit „Hassorgien und Stilblüten“ quäle, eine Lektüre zu erwarten, die zu neuen Erkenntnissen führe. Das schreibt die Wissenschaftlerin Barbara Zehnpfennig von der Uni Passau. Wer sich aber darauf einlasse, „wer bereit ist, Hitlers Gedanken erst einmal mitzudenken, statt sie sofort zu verurteilen, der bekommt einen ganz neuen Zugang zur Hitler. […] Er kann minutiös mitvollziehen, wie sehr sich Hitlers (Fehl-)Wahrnehmungen zu einer Weltanschauung verdichten.“

Es ist also wahr, dass (auch) das Unheil im Denken beginnt, fasst Zehnpfennig am Ende zusammen, um nachzuschieben, dass sich das Denken (anderer) kaum aus der Welt schaffen lasse. Nicht durch Kampf und schon gar nicht durch das Töten von Menschen. Dem Denken muss man sich stellen.


19. Dezember 2015, News-Redaktion

Newsroom hier, News-Website da: Solange nicht sexistisch…

Der ehemalige „Spiegel“-Chefredaktor Wolfgang Büchner krempelt die „Blick“-Gruppe um. Er will, wie er im Interview mit dem Tages-Anzeiger bekennt, „noch besser, noch attraktiver werden“ als die „Zeit“, der „Spiegel“, der „Economist“. Das ist nicht neu, aber schwer zu erreichen.

Spass auch unter den Journalisten zähle, die Freude, unter der Marke „Blick“ arbeiten zu dürfen. Die Grundlage dafür sei guter, vertrauenswürdiger Journalismus. Anstelle von Chefredaktoren treten ja – auch ganz neu – Autoren (vom Dienst).

Doch Stolz allein als Geschäftsmodell tauge nicht: Man könne sich den neuen medialen Entwicklungen schlicht nicht verschliessen. Und ja, Platz für nackte Frauen werde es immer geben, das sei Teil der journalistischen Berichterstattung. „Sex ja, Sexismus nein.“

Sex ja, Sexismus nein, so lässt sich auch der geschäftsführende Chefredaktor der News-Website Watson, Hansi Voigt in der NZZ zitieren. Die Rede ist hier von einem „fröhlichen“, von einem „konstruktiven Journalismus 3.0“! Von einem multimedialen Journalismus also, der „zusehends andere Wege einschlägt als die im Bann des Papiers entstandene Publizistik.“

Der Wettstreit zwischen Inhalt, Medium und publizistischer Aufbereitung, zwischen Hard News, Nutzen und Unterhaltung hat eben erst so richtig begonnen. Wer als erster über Erfahrungen verfügt, ist sicher im Vorteil. Wer am Ende gewinnen wird, ist unklarer denn je.


17. Dezember 2015, People Analytics

Mitarbeiterführung im Sog der Datenanalyse

Ob auch diesmal das Gute aus den USA kommt? Mitarbeiterdaten zu analysieren, ist im Trend. Etliche Startup-Firmen bieten neue Programme, viele tragen den Charakter einer Überwachung in sich. Das hiesige HR-Management kann sich der Entwicklung nicht verschliessen.

Es dürfte sein wie allgemein in der Beratung: einfache, leicht zu standardisierende Beratungsleistungen, etwa im Bereich der Arbeitsplatzgestaltung oder des eigenen Verhaltens im Umgang mit Kommunikationsmitteln, dürften „weganalysiert“ werden.

Wer als Firma oder Abteilung dagegen mittels umfassender, systematischer Datenanalyse das konkrete Verhalten von Mitarbeitenden zu vermessen und Sitzungen effizienter zu machen versucht, dürfte weniger Erfolg haben. Oft taugen hier Prinzipien, einfache Regeln und Eigenverantwortung, gepaart mit Vertrauen, sehr viel mehr. Menschen wollen einfach nicht beobachtet werden.

Wer sich dann doch selbst entscheidet, sich und sein eigenes Tun vermessen zu lassen und dafür die neuen Möglichkeiten einzusetzen und selber auszuwerten, dürfte natürlich den einen oder andern Vorteil entdecken. 


16. Dezember 2015, Mediennutzung

Medienaufsicht reformieren

Die Eidg. Wettbewerbskommission (Weko) hat das Gemeinschaftsunternehmen von Swisscom, SRG und Ringier, in dem diese ihren Werbeverkauf bündeln wollen, ohne Auflagen genehmigt. Nach einer vertieften Prüfung erwartet die Weko keine Beseitigung des wirksamen Wettbewerbs. Offen ist nun noch der Entscheid des Bakoms, des Bundesamtes für Kommunikation.

Noch im November hat sich der Präsident der Eidg. Medienkommission, Publizistikprofessor Otfried Jarren kritisch zu diesem Unterfangen geäussert. Die Medienaufsicht müsse vom Staat unabhängiger werden und wir benötigten einen Journalismus als kreative, unberechenbare, irritierende, aber zugleich auf Dauer zur Verfügung gestellte Leistung, was wiederum Professionalität und Ressourcen voraussetze.

Neue Formen öffentlicher Unterstützung wären zu diskutieren, immerhin „geht es um die Infrastrukturen unserer demokratischen Öffentlichkeit.“ Sie sei genauso kostbar wie unsere Verkehrsinfrastruktur, in die wir jährlich viel Geld investierten. Jarren träumt gar von einer europäischen Qualitätsmedieninitiative, initiiert von der Schweiz. Damit die besonderen politischen wie kulturellen Leistungen von Journalismus und Medien breit anerkannt würden.


14. Dezember 2015, Umgang mit Zeit

Klimapolitik: Die Weichen sind noch nicht gestellt!

Frankreichs Aussenminister Laurent Fabius hat zäh um den Erfolg gerungen: nun ist das Klimaschutzabkommen von Paris beschlossene Sache. Der global verbindliche Vertrag verpflichtet Staaten zu Klimaschutznassnahmen. Und ratifizieren 55 Staaten, die zusammen für mindestens 55 Prozent der globalen Treibhausgasemissionen verantwortlich sind, tritt er auch in Kraft.

Das Klimaziel, die Erde nicht um mehr als 1.5 Grad zu erwärmen, steht am Anfang. Entscheidend wird sein, ob und wie die Ziele auch erreicht werden sollen. Dazu steht noch wenig geschrieben, und der Kompromisse gibt es hier viele. Ganz neu aber ist, dass alle Staaten und nicht nur die Industriestaaten künftig zu den Klimazielen beitragen müssen. Die konkrete Finanzierung und der Emissionshandel werden ebenfalls neu erläutert.

Der Klimawandel wird das 21. Jahrhundert fundamental prägen, dazu braucht es keine hellseherischen Fähigkeiten. Parallel zur Digitalisierung wird also die Gesellschaft von klimatischen Veränderungen erschüttert werden. In jedem Fall hat die Wirtschaft zwei Möglichkeiten: sie kann sich der Entwicklung verweigern oder sich darauf einzustellen versuchen und so bestenfalls Chancen zum eigenen Vorteil nutzen. Klimawandel als Chance lautet die dazu passende Serie der Handelszeitung.


14. Dezember 2015, Umgang mit Zeit

Echtzeit, Eigenzeit und Langeweile

Wer sich mit der Zeit beschäftige, beschäftige sich automatisch mit der Gesellschaft, sagt der Philosoph Rüdiger Safranski im Interview mit dem Tages-Anzeiger. Im Umgang mit Langeweile erkenne man besonders gut, was mit dem Menschen los sei. Nur in ereignisarmen Zeiten erlebe man das Vergehen der Zeit unmittelbar.

Leere sei nicht nichts, sondern das Verstreichen von Zeit. Wer gewissermassen Zeit nackt erleben wolle, komme um die Langeweile nicht herum. Und alles was wir machten, sei eine einzige grosse Anstrengung, um die Erfahrung von Langeweile und damit des Nichts zu meiden.

Für Safranski gilt wie für den Philosophen Martin Heidegger, dass der Sinn von Sein im Vergehen liege – und nicht im Festhalten der Zeit. Die Zeit sei etwas, dass einem immer entgleite. Dabei sei es so, dass sowohl Individuen wie auch Gesellschaften eigene Zeitabläufe hätten. Die Lebensbereiche haben je ihre Eigenzeiten. Die Frage, wer sich nach wem richte, sei also sehr politisch.

Laut Safranski ist unsere Eigenzeit bedroht – durch mehr Tempo und vor allem durch viel mehr Gleichzeitigkeit; die Erfahrung, in Echtzeit an allem teilnehmen zu können, ist ganz neu. Die damit verbundenen Unmengen von Reizen überfordern: „Wir können nicht mehr angemessen darauf reagieren. Daraus entsteht ein fundamentales inneres Ungleichgewicht mit latenter Panik und Hysterie aufgrund nicht abgeführter Energie.“ Der Mensch wäre wohl fähig, irgendwie auch damit fertig zu werden, doch es tue sich heute Ungeheures!


14. Dezember 2015

Anstösse für eine praktische Politik

Wenn ein alt Bundesrat in die Tasten greift, um sich über Demokratie, Markt und Emotionen zu schreiben, muss er wissen, was er tut. Sonst läuft er Gefahr, hart kritisiert oder gar verspottet zu werden. Ausser er suche eben diese Kritik.

Auch wenn der Gastbeitrag von Kaspar Villiger in der NZZ etwas sperrig geschrieben ist, ist er in seiner Form der 27 Anstösse für politisches Handeln in einer Demokratie, die stets um richtige Entscheide bemüht ist, handlich und praktisch genug, um zum Nachdenken anzuregen. Es geht um das Räderwerk von Menschen, Anreizen, Macht, Politik, Wettbewerb, Kosten, Selbstverantwortung und anderes mehr.

Da steht dann zu lesen: „Politik muss sich an ethischen und ordnungspolitischen Prinzipien orientieren. Sonst geht sie in die Irre.“ Oder: „Politik verlangt langfristiges, konzeptionelles und ordnungspolitisch sauberes Denken, wenn ein Land nachhaltig erfolgreich sein soll. An den Zielen muss stets beharrlich festgehalten werden, aber die Suche nach dem besten und gangbaren Weg zu den Zielen verlangt politische Flexibilität […]. Deshalb ist Denken in Alternativen nützlich, auch wenn die Alternative nicht wie gedacht eintritt.“

Da war doch andernorts in einem Hinweis auf eine universitäre Studie kürzlich zu lesen, dass wer zu sehr an Plan B arbeite, damit den eigenen Plan A unmittelbar torpediere. Vielleicht ist ja alles eine Frage des Masses. Vielleicht ist das Denken in Szenarien einfach etwas wesentlich anderes als das Arbeiten an einem konkreten Plan B…


12. Dezember 2015, Strategie

Die Schweiz aus Sicht von Nestlé-Chef Paul Bulcke

Werte wie Pragmatismus, Bodenständigkeit, langfristiges Denken prägten die Schweiz, meint Paul Bulcke, CEO von Nestlé. Und er ortet jüngst und wiederholt politische Vorstösse des Volkes, die die Berechenbarkeit und Rechtssicherheit bedrohten. Doch er glaubt an die Weisheit des Volkes und erinnert an dessen Verzicht auf eine Woche mehr Ferien, auf eine generelle Arbeitszeitverkürzung oder An die Ablehnung der 1:12-Initiative.

Er plädiert für weniger Regulierung, weil er glaubt, dass es besser ist, Prinzipien zu formulieren und dann den Menschen die Freiheit zu lassen, eigenverantwortlich zu handeln. Auch wenn die Wirtschaft wiederholt überbordete, also nicht selbstverantwortlich handelte, so ist für ihn klar: Überregulierung ist keine effektive Regulierung.

Für Bulcke zählen Ziele. Und so soll auch Nestlé schneller wachsen als andere und mit Innovation produktiver sein. Und das in klar umrissenen Gebieten wie Ernährung, Gesundheit, Wellness. Mit ihrer Strategie reagiere Nestlé auf Bedürfnisse der Gesellschaft. Und wenn gegenüber Kunden kein Mehrwert und trotz Forschung und Entwicklung im Vergleich zu Mitbewerbern kein Unterscheid geschaffen werden könne, würde sich Nestlé auch aus den entsprechenden Tätigkeiten zurückziehen.

Mehrwert müsse auch gegenüber der Gesellschaft geschaffen werden. Daraus schliesst Bulcke, dass Nestlé auch transparent und offen kommunizieren und mit den Menschen den Dialog pflegen muss. Und erläutern, wie positive Werte geschaffen würden, frei nach dem Konzept des Creating Shared Value.


12. Dezember 2015, interkulturelle Kompetenz

Achtung Fettnäpfchen!

Fast immer steht Vertrauen im Zentrum von guten Beziehungen. Entsprechend aufwändig sind die gegenseitigen Bemühungen am Anfang von Gesprächen und Verhandlungen. Beobachten und sich entsprechen vorbereiten, lohnt sich immer! Nach Waseem Hussain (in: APLHA - Der Schweizer Kadermarkt) heisst das zum Beispiel:

China: Stellen Sie Harmonie her. Respektieren Sie Hierarchie. Lassen Sie sich nicht durch lange und ziellose Sitzungen irritieren.
Brasilien:
Rechnen Sie damit, dass Sie in Sitzungen unterbrochen werden. Das Plaudern dient hier dem Aufbau von Vertrauen.
Arabien
: Loben Sie ihr Gegenüber überschwänglich und in den höchsten Tönen. Respektieren Sie Alter und Hierarchien.
Indien:
Das Höchste Ziel des Inders ist es, seelische Harmonie mit dem Universum zu erreichen. Dazu hat er 311 Billionen Jahre Zeit; zeigen Sie nie Ungeduld.
Russland:
Drucken Sie Ihre Dokumente aus; Russen wollen Papier in den Händen halten.

NB: Auch zwischen den Menschen aus unterschiedlichen Schweizer Kantonen oder Gemeinden gibt es viel Unausgesprochenes, das fürs Verhandeln entscheidend sein kann.


12. Dezember 2015, Stadt und Umwelt

Die Stadt als Ort des Menschen

Die Stadt sei zwar ein Ort, der als technischer Apparat propagiert werde, doch fragt Vittorio Magnago Lampugnani eher rhetorisch, ob wir wirklich alles vorzeigen wollten, was zum Funktionieren der gebauten Umwelt erforderlich ist. Und folgert, dass aus der Stadt die Technik zwar nicht wegzudenken wäre. „Aber die Stadt sollte so angelegt und gestaltet sein, dass sie eine Welt der Menschen schafft und nicht der Technik.“ Wer sonst sollte sich dort wohlfühlen?


12. Dezember 2015, Medien

Chefredaktor war einmal

Der digitale Wandel verschont die Medien wahrlich nicht. Grosse Zeitungen wie Blick oder Tagesanzeiger verlieren ihre Chefredaktoren, ihre Aushängeschilder, sozusagen „die Markenzeichen eines Presseerzeugnisses, welches [bisher] das politische und wirtschaftliche Geschehen analysierend und kommentierend begleitet“ hat, wie Rainer Stadler in der NZZ schreibt.

Es sind Spuren von neuen, multimedialen Produktionswerkstätten: Journalisten führen, Autoren kommentieren, Manager organisieren und führen Marken. Offen ist, was das laufende Konvergieren einzelner Redaktionen für die Medienvielfalt und damit für die Verschiebung von Hard zu Soft News, von Recherche hin zu Unterhaltung bedeutet…


11. Dezember 2015, Arbeitsmarkt Schweiz

Wenn Maschinen unsere Arbeiten übernehmen

Tiefgreifende Veränderungen stehen uns allen ins Haus. Digitalisierung, das Internet der Dinge, Roboter, Künstliche Intelligenz: die Automatisierung bedrängt wohl vor allem Berufe, die nur in geringe Masse Kreativität, spezielle Kundenbetreuung oder soziale Interaktionen erfordern, schreibt Nathalie Gratwohl  in der NZZ. Betroffen dürften heute vermehrt auch Dienstleistungen oder administrative Bereiche in der Industrie sein.

Wer Mehrwert für Kunden schafft, muss nichts befürchten. Das war schon immer so. Doch heute finden digitale und physikalische Arbeitsabläufe immer mehr zusammen. Es entstehen neue Berufsbilder, oft solche die grosse Sozialkompetenz voraussetzen. Maschinen sind intelligent und schnell und können in kurzer Zeit grosse Mengen an Wissen strukturiert durchforsten und entsprechende Antworten entlang von Algorithmen liefern. Menschen dagegen sind dann im Vorteil, wenn Intuition, Kreativität, Sozialkompetenz, Mitgefühl verlangt sind.

Wer sich praxisnah ausbildet, sich stets weiterbildet, zeitlebens flexibel und mobil bleibt, neugierig unterwegs ist, kritisch fragt und denkt und mutig auch mal Neues ausprobiert, hat weiterhin grosse Chancen auf einem sich wandelnden Arbeitsmarkt. Darüber hinaus erfordert gesellschaftliche Verantwortung im Gefolge von Überalterung, Migration und Globalisierung viele Leistungen von ausgewiesenen Fachleuten, an denen es heute schon mangelt.

In diesen Zusammenhang gehören auch die interessanten Betrachtungen zwischen dem Deutschen und dem Schweizer Arbeitsmarkt und das Fazit, dass unser Arbeitsmarkt bezüglich Erwerbs- und Arbeitslosenquote immer noch gut positioniert ist.

Wenn der Roboter...
Arbeitsmarkt
Produktivität

8. Dezember 2015, Altersvorsorge

Altersvorsorge: Modern ist anders

Wohlfahrtsstaaten wollen Armut im Alter verhindern und gleichzeitig vermeiden, der Allgemeinheit mit entsprechenden Vorsorgelösungen untragbare Kosten aufbürden. Die heute geltenden Regelungen zementieren immer mehr ein System, das aus den Anfängen des Sozialstaates stammt. Den heutigen Prämissen einer sich stark wandelnden Gesellschaft genügen sie immer weniger.

Mit den Gedanken unter dem Serientitel „liberale Agenda“ thematisiert die NZZ Ansätze für eine Rentenreform. Bedenkenswerte Auslegeordnung in der Hoffnung, dass damit die nötige öffentliche Debatte endlich offen, kritisch und mit Weitblick geführt und so auch politisch tragbare absehbar werden.


7. Dezember 2015, Wissenschaft erklären

Die Jungen mit allerhand Wissenschaft erreichen

Immer wieder stellt sich die Frage, wie mit „echter“ Wissenschaft Laien und damit allenthalben Bürgerinnen und Bürger zu erreichen ist? Und dies mit dem Ziel, zu echter und für demokratische Entscheidungsfindung notwendiger Meinungsbildung beizutragen? Typische Quereinsteiger mit ihrer grossen Neugier sorgen auf allerhand Blogs und sozialen Kanälen für eine neue Form der Sensibilisierung bei der nachrückenden Generation in Themen zu Bildung, Forschung und Innovation.

So bekommt die heranwachsende Generation automatisch ein offeneres Bild von Wissenschaft, während die Etablierten noch immer streiten würden, was echte und was falsche Wissenschaftskommunikation zu leisten im Stande wären. Und das dürfte es Wissenschaftlern und auch Politikern in jedem Fall leichter machen, später mit harten Fakten nachzulegen und von eben dieser Zielgruppe gehört oder gar verstanden zu werden.

Hauptsache sensibilisiert!


7. Dezember 2015; Bildungspolitik

Über pädagogische Realitäten

Heutige Bildungspolitik achtet vermehrt darauf, wie Schulen nach aussen wirken. Sie reduziert Bildung auf die Funktion, Humankapital zu produzieren. Das schreibt der Schulforscher Walter Herzog von der Universität Bern. Drei Wahrheiten würden genügend genau beschreiben, warum Lehrerinnen und Lehrer sich sicher sein könnten, dass sie wenig erfolgreich agierten. Viele Bedingungen, um pädagogisch wirksam sein zu können, könnten die Lehrpersonen nicht beeinflussen. Das Lehrerhandeln lasse sich nicht technische absichern, weil das soziale Gefüge des Unterrichts zu komplex sei. Pädagogische Berufsarbeit sei nicht wie ein industrieller Fertigungsprozess, sondern unterliege ethischen Ansprüchen.

Gut zu lehren, sei damit fast unmöglich, doch aktuelle Bildungspolitik suggeriere das genaue Gegenteil. Mit Input zu Output! Mit Bildung zu Humankapital, das allein dazu helfen soll, die Herausforderungen einer sich schnell verändernden Gesellschaft zu meistern. Das Gebot der Stunde heisse darum, der Politik klar zu machen, dass ein lineares Verständnis pädagogischer Wirksamkeit nicht an die Stelle des kommunikativen und kooperativen Charakters pädagogischer Praxis treten dürfe. Unterrichten sei eine komplexe Sache.

Wer derart linear denke und handle, riskiere dreierlei. Erstens würde nicht mehr in die Schule, sondern in die Evaluation von Schule investiert. Zweitens gehe eine solche Verschiebung einher damit, dass der öffentliche Charakter und damit die öffentlichen Kontrolle obsolet werden zu Gunsten einer reinen Output-Steuerung. Und drittens verlören Vertrauen und Professionalität in das Lehrerhandeln an Bedeutung, weil alle glauben, Bildung sei machbar, wenn nur dir richtigen Massnahmen ergriffen würden.

Qualitätssicherung im Bildungswesen sei nicht zu haben allein nur mittels Standardisierung, Zentralisierung, Zertifizierung…


30. November 2015, Demokratie

Direkte Demokratie als Gegengift zur Globalisierung

Mit der Initiative zur Masseneinwanderung oder der „Durchsetzungsinitiative“ ist für den emeritierten Politikwissenschaftler Wolf Linder klar: die SVP versucht, den Spielraum des Parlaments zur Ausgestaltung von Volksinitiativen einzuschränken. Und dies wohl in der Absicht, den Grundsatz der Gewaltentrennung, der Demokratien so fundamental auszeichnet, zu torpedieren. „Wer das Gesetz macht, darf dieses nicht selber anwenden, und wer das Gesetz anwendet, unterliegt der richterlichen Kontrolle“, betont Linder.

Nichts entbinde die Stimmbürgerschaft, als Vefassungsgeberin den Grundsatz der Gewaltentrennung zu respektieren, also dem Parlament ein Minimum an gesetzgeberischer Ausgestaltung zu erlauben und diese auch richterlich kontrollieren zu lassen. Da die Schweiz keine Verfassungsgerichtsbarkeit kenne, sei es Aufgabe des Parlaments, Verfassungen für ungültig zu erklären.

Im Falle der SVP spricht Linder von einer lauten Revolution. Fast unbemerkt aber ereigne sich auch eine leise Revolution der Volksrechte. Dies im Gefolge der Internationalisierung, besser noch: einer Europäisierung und Globalisierung. Es geht konkret um das internationale Vertragsrecht und das in der Schweiz anwendbare Staatsvertragsreferendum. War die direkte Demokratie bisher auf die Innenpolitik beschränkt, rede heute das Schweizer Volk in der Aussenpolitik umfassend mit.

In der Innenpolitik verhandeln also Volk und Regierung. In der Aussenpolitik tritt immer ein Drittpartner hinzu, der gänzlich unabhängig agieren kann. Für Wolf Linder ist offensichtlich: „Globalisierung und Europäisierung haben etwas gemeinsam. Beide schaffen nicht nur Gewinner […]. Beide stärken politisch die Exekutive und die internationalen Gerichte, und sie entmachten die nationalen Parlamente.“

Damit sind Schweizerinnen und Schweizer gefordert zu lernen, wie ihre Demokratie mit der „Internationalisierung“ ihrer Wirkungen (stille Revolution) zurechtkommen und Risiken wie Chancen beherrschen kann.


28. November 2015, Wissenschaftskommunikation

Hard News aus Wissenschaft sind schwer zu kommunizieren

Der Medienwandel macht auch vor der Wissenschaftskommunikation nicht halt. Den Nachrichten aus der Wissenschaft und aus Hochschulen blüht dasselbe Schicksal wie den Hard-News mit Hintergrundinformationen generell: Online und Soziale Medien verändern die Erwartungen von Nutzern an Unterhaltung, Kanal, Qualität, Selektion, Ressourcen, Verfügbarkeit, regionalem Bezug, Virtualität und anderem mehr.

Stefan Russ-Mohl stellt etliche Zusammenhänge her, gerade auch was einen unabhängigen Wissenschaftsjournalismus ausmacht, vergisst aber zu erwähnen, dass ab 2016 eine neue Form der Förderung zur Verbreitung von Informationen aus der Wissenschaft in die breite Bevölkerung Urständ feiert.

Die Macher der wöchentlichen Wissensseiten von 20 Minuten werden bald neu vier weitere Regionalzeitungen mit vergleichbaren Leistungen beliefern – im Verbund und damit gerade auch für freischaffende Journalistinnen und Journalisten leichter zu erreichen. Das ganze wird wesentlich getragen von zwei Stiftungen. Darüber, ob damit dem Wissenschaftsjournalismus gedient sei, gehen die Meinungen weit auseinander. Das wiederum ist nicht neu.

Eine demokratische Gesellschaft braucht guten Qualitätsjournalismus für die notwendige Meinungsbildung. Das gilt auch für die Berichterstattung aus der Wissenschaft. Wie die geforderte respektive als gesellschaftlich notwendig erachtete Qualität im Journalismus überhaupt zu erreichen ist, darüber muss die Gesellschaft erst noch debattieren.

Russ-Mohl
Medienwandel in 6 Charts

26. November 2015, Leadership

Leadership: das Verhalten, das Erfolg schafft

„Die weichen Faktoren sind die harten. Sie entscheiden am Ende über den Erfolg.“ So lautet die Antwort von Jack Zenger, gemäss Handelszeitung (Nr. 48, 26.11.2015, S. 31) wichtiger Vordenker zum Thema Leadership, auf die Frage, wie sich Leadership messen lasse. Dabei definiert Zenger Leadership wie folgt: Leadership ist das Verhalten einer oberen Führungskraft in einer Organisation, das jenen Erfolg schafft, den es ohne diese Person nicht gegeben hätte.

Eine überraschende Definition! Denn damit sind unterschiedlichste Arten von Führung vorstellbar, die alle gleichermassen erfolgreich sind. Laut Zenger sind Leader denn auch „nur“ in drei bis fünf von 16 möglichen Disziplinen wirklich stark. Aber alle wollen sie Resultate erzielen, das angestrebte Ergebnis würden sie nie aus den Augen verlieren. Darüber hinaus wären Leader auf ihre Art motivierend und inspirierend und alle zeigten strategische Stärken. „Es sind Leute, die sagen, was sie tun, und die tun, was sie sagen.“ Sie sind aufrichtig, integer, ehrlich.

Moderne Teams bedingen neue Führung

Was Leader im Umgang mit modernen Teams lernen müssen, beschreibt die Harvard-Professorin Amy Edmondson in ihrem Interview ebenfalls mit der Handelszeitung (Nr. 47, 19.11.2015) zum Thema „Teaming“. Das Team, verstanden im traditionellen Sinne, ist eine stabile Gruppe von Mitarbeitenden, die über einen längeren Zeitraum besteht und klar erkennbar ist. Teams von heute wären dagegen fluide, unbeständig, die Arrangements veränderten sich ständig, die Grenzen zum Informellen wären fliessend.

Klar, dass ein solches Format von Team sehr viel mehr und dauernde Aufmerksamkeit des Managements sowie viel Kenntnis in kluger Steuerung erfordert. Die Dynamik ist hoch, ständig verändern sich Projekte, Ziele, Aufgaben und auch die Aufmerksamkeit der Beteiligten. Neugier, Passion und Empathie werden zentral wichtig bei Vorgesetzten und Mitarbeitenden.

Einige Arbeiten laufen gezwungenermassen auch über Soziale Medien und virtuelle Formen der Zusammenarbeit ab. Doch gerade bei fluiden Teams werden direkte Begegnungen und Zusammengehörigkeitsgefühl laut Edmondson essentiell. Genau wie der gemeinsame Erfolg! Die gute Nachricht von Amy Edmondson: Schweizer Unternehmen hätten durch ihre ausgeprägt teamorientierte Arbeitskultur einen klaren Wettbewerbsvorteil gegenüber etwa asiatischen Ländern.


25. November 2015, Mobile Commerce

Mobiles Einkaufen wird alltäglich

Die „Generation Smartphone“ wird erwachsen. Unterwegs per Smartphone, tagsüber via PC und abends via Tablet: so kaufen immer mehr Menschen ihre Waren ein. Ganz selbstverständlich. Die Rede ist von Mobile Commerce im Detailhandel.

Diese Art des Einkaufens stellt Detailhändler vor grosse Aufgaben. Sie gar nicht erst angehen zu wollen, ist keine Strategie. Beobachten, nachdenken, Szenarien entwickeln schon eher.


21. November 2015, Mediennutzung

Szenen aus der Medienwelt

Der Trend zu mobiler Kommunikation führt zu einer intensiveren Mediennutzung, doch wird die Zeit weniger für Information, dafür mehr für Games und Unterhaltung eingesetzt. Information verliert im Vergleich zu Unterhaltung an Boden. Wir müssten unsere Jugendlichen wieder lehren, „dass guter Journalismus etwas wert ist und daher nicht kostenlos zu haben ist“, sagt denn auch Prof. Mark Eisenegger, Präsident der Kurt-Imhof-Stiftung für Medienqualität im Interview mit der NZZ.

Laut seiner Analysen und Beobachtungen verlieren Qualitätstitel mit Hintergrundinformationen zu relevanten Themen in gedruckter Form stetig an Nutzern, und deren Online-Nutzung wächst deutlich langsamer als jene von Titeln minderer Qualität, die vor allem auf rasch und günstig zu erstellende Soft-News und Unterhaltung setzten.

Weiter leidet offenbar die Themenvielfalt deutlich, in der Schweiz etwa bei der Behandlung von Abstimmungsvorlagen. Aber auch das Internationale verliere an Bedeutung zugunsten von Nationalem und Sprachregionalem. Und gesellschaftlich bedeutende Themen würden immer weniger vertiefend behandelt, so dass die eigentliche Meinungsbildung leide. Schliesslich gehe mit dem Niedergang der gedruckten Presse das Lokale und Regionale immer mehr verloren, denn der digitale Nachrichtenkonsum mit seinen Soft-News fokussiere strukturell bedingt andere Auswahlkriterien.

„Wir müssen wieder daran arbeiten, dass der Konsum bestimmter Medien wieder einen Statuswert erhält“, meint Eisenegger, also zu einem Unterscheidungsmerkmal werde.

Dass die Medien selbst nicht unschuldig sind an dieser Entwicklung, zeigen die „seltsamen Szenen“ aus der News-Welt, wie sie Rainer Stadler in seiner Kolumne beschreibt. Es sind Beobachtungen zu „Action-Journalismus in Reinform bzw. Recherche in Rohform“. Wenn noch keine Fakten von zum Beispiel terroristischen Ereignissen vorliegen, erlangen Handvideo-Sequenzen Bedeutung, hohe Preise auf dem Medienmarkt – und alle haben etwas zum Hingucken. Massenmedien und soziale Netzwerke in dauernder Interaktion: „…zur Unterhaltung, zur Leserbindung. Manchmal sogar zugunsten der Information.“


19. November 2015, Shopping

Was zählt, ist Off- und Online-Präsenz zu gleichen Teilen

Wer in Sachen Mode unterwegs ist, will anprobieren, Preise vergleichen, eventuell im Ausland billiger einkaufen, schnell beliefert werden und Waren auch zurückgeben können. Und das zu jeder Tages und Nachtzeit, im Laden oder von jedem andern Ort aus virtuell und bequem.

Wie als Anbieter darauf reagieren? Was bedeuten da nachhaltiges strategisches Denken, rasches, opportunistisches Handeln oder Erfahrungen aus erster Hand? Was tun, wenn die Zeit nicht reicht und der Wandel unverhofft und rasch über einen hereinbricht? Das Geschehen im Mode-Detailhandel könnte für viele andere Branchen beste Anschauung liefern.


17. November 2015, Ethik

Roboter-Ethik: Was sind moralische Algorithmen?

Das fahrende Auto ohne Fahrer von Google bekam es mit der Polizei zu tun. Grund genug für Stefan Betschon, in der NZZ darüber zu sinnieren, was wer denkt, der denkt, ethische Probleme seien mit einer „genügend langen Liste von Fallunterscheidungen“ technisch zu lösen.

Man braucht nicht seiner Meinung zu sein, um zu sehen, dass sich mit der aufkommenden Diskussion um die sogenannte Roboter-Ethik Gräben auftun werden, wenn schon jetzt für mehr „experimentelle Ethik“ und „moralisch Algorithmen“ plädiert wird…


12. November 2015, Managementberatung

Schreckgespenst Robo-Berater

Die fortschreitende Digitalisierung trifft auch die Unternehmens- und Management-Beratung im Kern. Standardisiertes Beraterwissen verliert wohl an Bedeutung und komplexe Datenauswertungen macht der Computer mit intelligenten Algorithmen schon bald schneller und günstiger.

Berater als Generalisten müssen künftig jenen weichen, die es verstehen, den Kunden gegenüber ihr Angebot und den konkreten Nutzen – in Anbetracht aller Risiken und Nebenwirkungen – herauszuarbeiten. Im Rahmen sich manifestierender Veränderungen nichts Neues eigentlich, aber immer noch eine hohe Kunst.

Blickpunkt KMU
ASCO-Studie

5. November 2015

Politiker und die Wissenschaft

Wie verlaufen bei wissenschaftspolitischen Fragen die Fronten im Parteienspektrum? Vor allem entlang von zwei Dimensionen, erklärt Polit-Geograf Michael Hermann im Heft „Horizonte“ des Schweizerischen Nationalfonds (SNF). Die erste Dimension sind die Geldmittel für die Wissenschaft. Hier gilt: investieren links versus sparen rechts. Die zweite Dimension, die nicht nach dem Links-rechts-Schema funktioniert, umschreibt er nach Friedrich Dürrenmatt als das "Physiker-Dilemma": Soll der Mensch machen, was machbar ist?

Die Resultate einer entsprechenden Studie auf Initiative der Schweizer Akademien und des SNF zusammen mit der Online-Wahlhilfe Smartvote sind spannend zu lesen.


4.11.2015, Liberalismus und Europa

„Politische Fragen müssen politisch entschieden werden“

Der Soziologe Ralf Dahrendorf, vertrat zeitlebens einen unkonventionellen Liberalismus, schrieb Olivier Zimmer, Professor für moderne europäische Geschichte in Oxford, kürzlich in der NZZ.

„Man hat es mit einen Liberalismus zu tun, der […] Menschen als faszinierende Mängelwesen akzeptiert. Pläne sind schön und gut, solange sie in Tuchfühlung mit der Erfahrungswelt der Zeitgenossen geschmiedet werden“, schreibt Zimmer über den Liberalismus Dahrendorf‘scher Prägung. Ein so gebauter Liberalismus könne mit dem apodiktischen Entweder-oder selbsternannter Modernisierer, mit der Rede vom einzig zeitgemässen, nun endlich zu vollziehenden Entwicklungsschritt, wenig anfangen.

Für Ralf Dahrendorf wären denn auch Nationalstaat und Globalisierung, nationale Bindungen und transnationale Verflechtungen keine Gegensätze gewesen. Die angebliche Schrumpfung geografischer Räume ändere nichts daran, dass es nach wie vor bestimmte Orte wären, mit denen Menschen sich identifizierten.

So schreibt denn auch Zimmer klar und deutlich, dass der liberaldemokratische Nationalstaat ein unvollkommenes Geschöpf sei, Ausgeburt historischer Konflikte; kein Zustand, sondern work in progress Dieses Kollektivsubjekt sei anzuerkennen, und ohne ein solches Subjekt sei demokratisch verantwortungsvolles Handeln nicht möglich. Und wendet sich damit gegen alle jene, die Geschichte in Kategorien naturgegebener Gewalten denken und darum ihr Handeln mit historischen Notwendigkeiten zu legitimieren versuchen. „Wer das Gras der Notwendigkeit wachsen hört, für den besteht die Menschheit eben aus schwerhörigen Kurzsichtigen.“


31.Oktober 2015, Medien

Zeitungen sterben langsam, aber sie sterben

Die Zukunft von Zeitungen auf Papier ist ungewiss. Ja, doch wichtiger zu fragen sei, ob es Medien gelingen werde, die Bindung an die Marke im digitalen Raum aufrechtzuerhalten. Das sagt Medienprofessorin Emily Bell im Interview mit den Tages Anzeiger Magazin. Sie spricht vom Paradigmenwechsel: Zum ersten Mal in der 200-jährigen Geschichte hätten die Medienverlage nicht mehr die Kontrolle darüber, wo und wie News verbreitet werden. Es wären Facebook, Twitter und Co, die die Wertschöpfungskette aufgebrochen haben und das „Informations-Ökosystem“ wesentlich bestimmten. Und Verlage bereiten immer mehr News nur noch für diese Player auf.

In den Redaktionen der Zukunft gehe es um hocheffiziente Produktion und eine ebensolche Verbreitung, es gehe um virale Verbreitung und damit Reichweiten in einer ganz neuen Dimension, so wie sie die „Sharing- und Liking-Ökonomie“ vorgebe. Es geht vor allem auch darum, das heranwachsende junge Publikum zu gewinnen.

Gleichzeitig sei klar: „Guter Journalismus berichtet lebendig davon, was in der Welt gerade passiert“. Das gelte auch für datengestützten Journalismus. Und dafür würden sich die Menschen seit je brennend interessieren. Dabei betont Bell, dass richtige Bildung Voraussetzung sei, um etwa eine (digitale) „New York Times“ zu verstehen. „Das ist die Art von Verbindung mit Menschen, die einen Medientitel für die Zukunft rüstet.“

Es bleibt die Frage, ob die neuen Firmen, die das Nachrichtengeschäft zu dominieren beginnen, ebenso den journalistischen Werten wie Transparenz, Fairness oder dem Quellenschutz verpflichtet sind. Fakt sei, so Bell, dass es künftig in Redaktionen ebenso viele Digitalexperten wie Schreiber brauche (also weniger Journalisten). Und dass Reichweiten und Skaleneffekte einfacher für Kapital und schöne Renditen sorgten als Journalismus per se. Daten, analysieren, visualisieren und mit Zugriffsanalysen maximale Reichweiten garantieren: davon lebten künftige Medientitel.

Die Herausforderung sei, dass Journalismus über die aktuelle sich anbahnende technische Revolution berichten müsse, während alle Beteiligten für die alten Werte des Journalismus eine digitale Form finden müssten. Fürs Management bedeute das, Print- und Digitalbudgets zu trennen, die Digitalteams von Print-Teams losgelöst zu führen und so den digitalen Journalismus nicht durch traditionelle Managementstrukturen zu behindern.

In diesem Kontext zu sehen ist denn auch die angekündigte Reorganisation der Redaktion in der Blick-Gruppe. Ringier hat sich offenbar von der Idee verabschiedet, ein Gebührenmodell für den digitalen Blick einzuführen. Die Finanzierung soll über Werbung und damit über die Maximierung der Reichweiten erfolgen. Zudem sei für den Erfolg unabdingbar, dass Journalisten das Publikum noch stärker in den Mittelpunkt rücken müssten. Kommunikation müsse Teil der Arbeit eines jeden Journalisten werden…


29. Oktober 2015, Digitale Kompetenzen

Digitale Fitness in Verwaltungsräten

Was es bedeuten kann, als Verwaltungsrat und Stratege für ein Unternehmen im anbrechenden digitalen Zeitalter eine Vision zu zeichnen, zeigt das Beispiel der deutschen Daimler AG: Der Autobauer versteht sich nicht mehr als Autobauer, sondern als Bereitsteller von Mobilität. Und ist erst einmal dieses Begriffliche geklärt, beginnt in den Köpfen der Wandel und damit die Suche nach neuen Trends.

Diesen Wandel kann man unterschiedlich initiieren: mit digital affinen Verwaltungsräten, mit einem Chief Digital Officer oder auch einem Beratungsgremium mit entsprechenden Kompetenzen. Andreas Kopf von Dr. BjØrn Johansson Associates plädiert aber klar, dafür, dass mindestens ein VR-Mitglied über entsprechende Kompetenzen verfügen müsse.


27. Oktober 2015, Digitalisierung in der Industrie

Wenn General Electric zum digitalen Wandel ansetzt

Thomas Edison hat die Glühbirne erfunden, hat Technologie in elektrische Geräte gepackt und diese in Massenproduktion hergestellt. Heute muss sich General Electric (GE) neu erfinden und sehen, wie sie Industrie und Digitalisierung zusammen bringt.

Dabei kann das Modell Apple durchaus als Vorbild dienen: GE sucht sehr intensiv eine eigene Standardplattform, auf der GE und daneben viele andere Anbieter ihre Dienstleistungen rund um die eigentlichen Kernprodukte wie Lokomotiven, Transformatoren, Turbinen, anbieten. Ob GE als Industriekoloss dieses Kunststück fertigbringen wird?


27. Oktober 2015, Mediennutzung

Junge immer weniger News-affin

Jüngere Erwachsene nutzen klassische Medien zur Information immer weniger. In den aufkommenden Sozialen Medien, wo selbst News etwa in Facebook, Twitter oder Buzzfeed neuerdings mehr Platz erhalten, wären die News zudem eher soft und dienten vorab der Unterhaltung. Sie böten kaum mehr Einordnung eines Themas und wären leichtfüssig und episodisch abgefasst.

Offensichtlich werde zunehmend auch, dass sich Informationsjournalismus immer schwieriger finanzieren lasse und dass sich die Medienunternehmen zunehmend dem Digitalen verschrieben und mit viralem Erfolg leichter zu Finanzen kämen: Womit moderne Demokratie fasch und heftig unter Druck kämen


23. Oktober 2015, Gesellschaft

Generation Gold

Der Begriff des Alters verändert sich. Er ist im Grunde schon heute nur noch für jene gültig, die dem Tod nahe sind. Wer bisher als alt galt, also im Pensionierungsalter war, wird sich dank guter Gesundheit und neuer Technologien schon bald zurück und in die Mitte des gesellschaftlichen Lebens drängen. Das schreiben Autoren in einer neuen Studie des Gottlieb-Duttweiler-Instituts (GDI).

Die Autoren sprechen von vier Szenarien fürs künftige Leben im Alter, wobei sich die pointiert formulierten Kategorien auch mischen können. Die Rede ist von den konservativ, den rebellisch, den vorausschauend und den niemals Alternden. Die Babyboomer, also Ältere der Jahrgänge 1946 bis 1964, würden der Lebensphase nach der Pensionierung schon bald eine Bedeutung verpassen.


21. Oktober 2015, Bildung

Gute Bildungspolitik ist beste Wirtschaftspolitik

Die Bildungsökonomie versteht unter Bildung eine Art Investition in Wissen, Kompetenzen und Fähigkeiten der Bevölkerung, sodass die Menschen ihre Arbeit produktiver ausüben und Innovationen entwickeln können. Das schreibt Ludger Wössmann Volkswirtschaftler an der Ludwig-Maximilians-Universität München in der NZZ.

Die Forschung bestätige den eigentlich einfachen Zusammenhang, dass je höher die Bildungsleistung, desto höher die Wirtschaftsleistung. Dabei wirke sich Schulbildung nur insoweit wirtschaftlich aus, als sie auch tatsächlich Kompetenzen vermittle. „Zusätzlich zeigt sich, dass sich sowohl Bildungsbasis in der Breite der Bevölkerung als auch eine genügend grosse Leistungsspitze auf das Wirtschaftswachstum auswirke.“ Entsprechend wenig Sinn mache es, Bildung in der Breite gegen Spitzenleistung von Eliten auszuspielen.

In dem Masse allerdings, wie Menschen mit guter Bildung am Arbeitsmarkt erfolgreicher seien, trage dies zu Ungleichheit bei. Darum müsse die Politik versuchen, möglichst vielen Menschen gerade aus benachteiligten Schichten eine gute Bildung zu vermitteln. Dazu gehört, einen funktionierenden Ordnungsrahmen für ein Bildungssystem mit guten Anreizen zu schaffen, sodass Schüler und Lehrer für ihre je eigene Aufgabe motiviert ans Werk gehen würden.

Gelinge es weiter, Schulen in ihrer Wahl, wie sie gesteckte Ziele autonom erreichen wollen, viel Freiheit zu gewähren und dabei freie Trägerschaft mit staatlicher Finanzierung geschickt zu verbinden, entstehe Wettbewerb um Schüler und beste Konzepte – Grundstein für gute Bildungspolitik, die nachhaltige wirtschaftliche Entwicklung nach sich ziehe.

Was nicht heissen darf, dass sich Bildungsinhalte allein nur nach ökonomischen Prämissen, also nach kurzfristigen Erwartungen und Nutzendenken der Wirtschaft zu richten hat…


14. Oktober 2015, Ärztemangel

Medizin studieren nach dem Vorbild der USA

Der Bundesrat sucht nach Strategien, um dem Ärztemangel in der Schweiz zu begegnen. Ab 2017 sollen dazu 100 Millionen Franken bereit stehen. Der frühere Rektor der Uni Basel, Antonio Loprieno, sucht zurzeit im Auftrag des Bundes nach einem neuen Modell für die Ausbildung von Ärzten. Sein Bericht ist noch unveröffentlicht. Doch schon wird klar: das Rezept heisst Medical Schools. Mit Geld allein lasse sich das Ziel nicht erreichen, zuerst müsse die Ausbildung der Ärzte grundlegend reformiert werden, schreibt Loprieno.

In diesem Kontext sind auch die Bestrebungen von ETH Zürich und EPF Lausanne zu sehen, die in enger Zusammenarbeit mit Universitäten die medizinische Forschung und seit kurzem auch die Ärzteausbildung mit eigenen Bachelorstudiengängen in Medizintechnologie forcieren. Weitere Schweizer Universitäten wie St. Gallen, Freiburg, Luzern planen eigene, spezialisierte Bachelor- oder Masterstudiengänge.


13. Oktober 2015, Technologie und Recht

Das richtige Fragen bleibt dem Menschen vorbehalten

Der Rechtsberatung geht es nicht anders als andern Wirtschaftszweigen auch: die neuen Informationstechnologien verändern den Berufsalltag von Anwälten schon bald grundlegend. Sie beschleunigen die Arbeit in der Recherche und beim Auslegen der Fakten zu einer Rechtsfrage. Das schafft neue Chancen, stellt die Zukunft der Kanzleien in der heutigen Form aber in Frage.

Doch um aus einem komplexen Sachverhalt die richtigen rechtlichen Fragen abzuleiten und Mandanten entsprechend zu beraten, dazu braucht es auch künftig Anwälte. Gut ausgebildete, selbstkritische Führungsleute mit gut funktionierenden Teams, wie überall in einer ausgereiften Wissensgesellschaft.

(Eugen Stamm in der NZZ vom 13.10.2015, S.30)


12. Oktober 2015, Wirtschaft und Arbeit

Florierende Schweizer Wirtschaft? Stimmt so nicht.

Nach dem Frankenschock haben viele Firmenchefs gehandelt. In der mittelständischen Schweizer Fertigungsindustrie sind bereits etliche Arbeitsplätze abgebaut und ins Ausland verlagert worden. Diese Abwanderung spiele sich in grösserem Ausmass ab, als es von der Öffentlichkeit wahrgenommen werde, schreibt Michael Girsberger, CEO der Girsberger Holding AG, in seinem Meinungsartikel in der NZZ.

Die verfügbaren statistischen Zahlen würden dies noch kaum zeigen, doch künftig würden Betroffene bedeutend häufiger arbeitslos werden als es heute den Anschein mache. Kosten senken sei das Gebot der Stunde, und dies sei wirklich nur möglich, wenn Arbeitgeber und Arbeitnehmer und deren Gewerkschaften zusammenspannten. Etwa um bei gleichem Lohn länger zu arbeiten, um die Produktivität (temporär) zu erhöhen.

„Ein Verständnis der Mitarbeitenden für derart einschneidende Massnahmen zu ihren Lasten ist nur unter hohem Aufwand zu gewinnen. Die Unternehmen müssen dazu regelmässig über positive und negative Entwicklungen informieren und die Zusammenhänge vermitteln“, schreibt Girsberger. Doch die meisten Inhaber mittelständischer Firmen seinen Transparenz hinsichtlich Geschäftsergebnisse noch nicht gewohnt. Das Gleiche betreffe den Umgang mit den Gewerkschaften!

Girsberger wirbt denn auch für durchgehende Transparenz, vorbildliches Führungsverhalten und sowohl wirtschaftliches wie soziales Denken aller Beteiligten, inklusive der Gewerkschaften. Alternativen sieht er kaum, umso mehr sei dieses Vorgehen eine Chance für die Schweiz, die es zu packen gelte.


15. Oktober 2015, Geschäftsmodelle

Amazon mischt Online-Lebensmittel-Lieferdienst auf

Im Online-Handel werden Lebensmittel immer mehr zum Thema. Amazon, der weltgrösste Onlinehändler, der bereits in grossen Städten der USA Lebensmittel vertreibt, versucht sein Glück nun auch in Europa. Es ist ein Beispiel mehr, wie Branchenfremde mit einer neuen Sicht auf Fakten und einer neuen Fähigkeit – Amazon versteht sehr viel von Logistik – etablierte Geschäftsmodelle über den Haufen werfen oder neu erfinden können.

Es gebe gewachsene Abwehrmechanismen im Handel und Vertrieb von Lebensmitteln, wird dagegen angeführt. Aber neue Apps fürs Bestellen oder digital sozialisierte junge Menschen, welche eine Familie gründen möchten, verändern die Rahmenbedingungen oft sehr schnell und nachhaltig. Darum  gehört das strukturierte, kluge Modellieren von Geschäftsmodellen heute vermehrt zu den Kernaufgaben des Managements. Es hilft, sich vor Überraschungen (hoffentlich) rechtzeitig zu schützen.

Immerhin reagiert nun auch Coop zusammen mit Swisscom als Partner auf die Herausforderungen und hat ihren neuen Online-Marktplatz Siroop,ch von der Wettbewerbskommission genehmigt bekommen.


4. Oktober 2015, Spielregeln in der Politik

Elektronisch abstimmen hat Folgen

Der Wechsel vom Abstimmen per Hand zum elektronischen Abstimmen im Ständerat hat das Abstimmungsverhalten der Parlamentarier aller Wahrscheinlichkeit verändert. Die bessere Sichtbarkeit des Verhaltens beim Abstimmen führte laut einer Untersuchung von Monika Bütler, Professorin für Volkswirtschaft an er Uni St. Gallen, und ihren Kolleginnen Christine Benesch und Katharina Hofer, zu weniger Einstimmigkeit im Rat, aber zu und mehr Geschlossenheit innerhalb der Parteien.

Fazit: „Wer misst stört. Selbst kleine Änderungen im Abstimmungs- und Wahlverfahren können Folgen haben“, schreibt Bütler. Dabei sind die Wirkungen solcher Änderungen von Spielregeln, und mögen sie noch so unscheinbar sein, nicht immer vorhersehbar.


3. Oktober 2015, Wahlen

Wo bleibt die gemeinsame Schweizer Staatsidee?

Die Schweiz brauche keine „inhaltliche Konkordanz“, also keine Übereinstimmung der Ideologien und Programme von Parteien, auch nicht der regierenden. Es brauche vielmehr eine Art gemeinsame Staatsidee im Sinne von Demokratie, Freiheit, Sozialstaat, Föderalismus und Rechtsstaat; es bedürfe einer minimalen Übereinstimmung hinsichtlich des Zwecks und der grundlegenden Spielregeln des politischen Zusammenlebens.

Das schreibt Martin Senti in seinem Leitartikel in der NZZ kurz vor den Nationalratswahlen 2015; und schreibt Sätze wie: „Man kommt nicht zur Freiheit, wenn man alles verbietet, was sie gefährdet. Es muss in einer liberalen Gesellschaft vielmehr erlaubt sein, Fehler zu machen, sich selber zu schaden, faul zu sein, krank, dick oder dumm.“ Damit sei Freiheit nicht mehr Kompass unserer Ordnungspolitik. Aber immer noch ein wichtiger unter Pfeilern. Bedenkenswert!


3. Oktober 2015, Konjunktur

Anatomie von Spekulationsblasen

Überhitzt die Wirtschaft und feiert Spekulation Urständ, ist der Absturz meist nicht weit. Aber was wann genau erwartet wird und auch passiert, lässt sich auch von versierten Ökonomen kaum vorhersagen. Aus der Vergangenheit lässt sich zwar viel lernen, sich beim nächsten Mal aber danach zu verhalten, ist tausend Mal schwieriger. Nicht zuletzt, weil sich das Verhalten der Menschen kaum bestimmen und vorhersagen lässt.

Die Zeitung „Finanz und Wirtschaft“ fragt in ihrer Serie zu „Spekulationsblasen“ seit längerem danach, in welchem Kontext solche Blasen entstanden, was die Konsequenzen waren und welche Bedeutung ihnen heute zukommt.

Dass profanes, ja stures Messen auch in der modernen Ökonomie mit ihren Modellen unerlässlich ist und dass mechanisches Denken in Ursachen und Wirkungen in der ökonomischen Forschung weniger taugt, sondern dass diese Forschung stets nur eine Annäherung an die komplexe soziale Wirklichkeit ist, zeigt der diesjährige Träger des Wirtschaftsnobelpreises, Angus Deaton mit seinen Arbeiten. Er sei Brückenbauer zwischen Individuen und Gesamtwirtschaft sowie zwischen Theorie und Daten, wie die NZZ schreibt.

Spekulation
A. Deaton

2. Oktober 2015, Schweizerischer Wissenschaftsrat

50 Jahre sind nicht genug

Wissenschaftspolitik darf nicht auf Standortpolitik reduziert, der „Nutzen“ von  Wissenschaft nicht primär alltagspraktisch definiert und die Freiheit der Forschung nicht eingeschränkt werden, schreibt Urs Hafnerin seinem Artikel in der NZZ. Urs Hafner publiziert in diesen Tagen seine historische Studie unter dem Titel „Vom Wissenschaftsrat zum Innovationsrat [SWIR]. Die historische Entwicklung des Schweizerischen Wissenschaftsrates in der Aussensicht“; sie ist im Auftrag des SWIR entstanden.

Seit 1965 wirkt der Schweizerische Wissenschaftsrat am Auf- und Ausbau des Wissenschaftssystems mit. Visionäre ohne gesetzlichen Auftrag hatten ihn aus der Taufe gehoben. Bald schon wurden wurde er, trotz oder vielleicht wegen seines Erfolges, von weiteren neugegründeten Gremien bedrängt. Politik und Wissenschaft reiben sich heftig.

Realpolitische Widerstände hätten die Visionäre des SWIR zunehmend frustriert, meint Hafner. Die Idee, den Rat zu einem „in der Öffentlichkeit agierenden Think-Tank exzellenter Forscher zu machen, die als Sprachrohr der Wissenschaft auftreten und  die Grundlagenforschung verteidigen würden“, sei misslungen.

In grundsätzliche Überlegungen zur Forschungspolitik und zu Bildungsfragen würde er heute nicht mehr einbezogen. Der Rat sei heute Teil eines erfolgreichen Systems, das nicht mehr auf ihn angewiesen zu sein glaube. Er sei dermassen integriert, dass seine Unabhängigkeit von aussen, von Hochschulen und der Öffentlichkeit, kaum noch wahrgenommen werde. Hafner plädiert umso mehr für diese „dissidente Stimme mit Gewicht“, die dem Bundesrat und der Verwaltung nötigenfalls auch widerspreche.


30. September 2015, Menschsein

Erfinden kann nur, wer im Zwiespalt sitzt

Der Mensch sei primär ein Mangelwesen, meint der Philosoph und Publizist Ludwig Hasler in einem Interview mit persönlich.com. Er müsse sich immer abstrampeln, um einen Sinn zu finden. Und sei „auch ein Naturwesen, aber er stolpert die Evolutionsleiter hinauf, rutscht manchmal aus, aber er ist kein kompaktes Wesen“.

Heute nun würden wir uns als Zwiespaltwesen in einer Kulturmode bewegen, die den Menschen als etwas Eindeutiges wolle. „Das wird die menschliche Existenz armseliger machen. Und es wird unsere Innovationsfähigkeit beeinträchtigen. Denn Innovation kommt immer von Individuen.“

Eine ungewohnte Sicht auf die Frage, wie Innovation zu fördern ist. Aber in manchen Punkten bedenkenswert.

...und...

29. September 2015, Gesellschaft

Überwachungskultur bedroht Gesellschaftsvertrag

Ob es nicht an der Zeit wäre, den Gesellschaftsvertrag noch einmal neu auszuhandeln angesichts einer Überwachungskultur als Folge der Nutzung des Internets mit seinen Applikationen und der Vernetzung aller Dinge? Das fragte Manfred Schneider, emeritierter Professor für deutsche Literaturwissenschaft an der Ruhr-Universität Bochum, kürzlich am NZZ-Podium.

Wir würden heute keine Technologien entwickeln, um damit etwas zu tun, sondern wir tun einfach, was uns eine entwickelte Technik aufdränge. Für den Soziologen Zygmunt Baumann sei diese Tatsache Symptom einer „unaufhaltsamen Befreiung unseres Handelns von moralischen Skrupeln“. Damit würden Todesfurcht und die Dauerverlockung zu bequemem Leben, die beiden grundlegenden gesellschaftlichen Antriebe für die Bildung eines vernünftigen Staates, heute ganz neu technisch implementiert und sozial wirksam.

Thomas Hobbes, der englische Staatstheoretiker und Philosoph, erklärte bereits im 17 Jahrhundert, warum sich die Menschen dazu entschliessen, sich einer staatlichen Macht zu unterwerfen: weil sie den Tod fürchteten und weil sie sich nach einem bequemen Leben sehnten. Nach Hobbes bilden Todesangst und der Wunsch nach Bequemlichkeit die Grundlage für den modernen Gesellschaftsvertrag.

Manfred Schneider sagt, die Verfassungen der westlichen Welt würden zwar eher von der Garantie des Lebens und Sicherung der Freiheit reden, doch sei es heute die Überwachungskultur, die unter den Vorzeichen von allgegenwärtiger Todesangst vor dem weltweiten Terror und dem unübersehbaren Angebot an Bequemlichkeitstechnologien das Leben in westlichen Gesellschaften wirklich revolutioniere. – So gesehen und ohne Korrekturen keine erfolgversprechende Entwicklung.


29. September 2015, Soziale Medien

Soziale Medien im Wahlkampf gehören einfach dazu

In der Politik zweifelt laut einer Umfrage der NZZ kaum mehr jemand am Nutzen der Sozialen Medien. Doch nur eigene Verlautbarungen und Botschaften reichen nicht mehr: gepflegt muss ein solcher Auftritt sein, nachhaltig!

Wer pointiert und fundiert öffentlich kommentiere, steigere seine Chancen, vorab von dem Medienschaffen wahrgenommen zu werden. Und genau darum gehe es letztlich: präsent werden in den Leitmedien. Wer etwa wichtige Ankündigungen zuerst via Soziales Medium und sein Netzwerk bekanntmache oder mittels Hashtag-Kampagnen Themen vorgebe, werde mit seinen Botschaften besser gehört.

Mit twittern und dem Produzieren von Videos stärken die politischen Akteure auch das Profil ihrer Partei. Noch seien Soziale Medien nicht matchentscheidend, aber wichtige Wählerprozente würden sich allemal gewinnen lassen – egal ob hier oder in den USA.


23. September 2015, Freiheit und Wohlstand

Wir bringen uns um unsere eigene Freiheit

Vorweg das Fazit: Wir sollten uns immer wieder die Frage stellen, was denn dem Gemeinwohl und damit uns allen diene. Bei der entsprechenden Güterabwägung sollte der Wert der Freiheit immer höher gewichtet werden als jener der Sicherheit. So schreibt und denkt Peer Teuwsen in seinem Essay in der NZZ.

Das gilt wohl auch für gute Führung und Unternehmenskultur, wenn Teuwsen schreibt: „So banal es klingt, aber wir reden zu wenig miteinander, wir sollten uns darauf verständigen, was wir wollen, und nicht nur darauf, was wir nicht wollen.“

Ob Schweizerinnen und Schweizer Freiheit nicht mehr aushalten und darum jedem Problem, und sei es noch so klein, immer gleich mit einer Regel oder gar einem Verbot begegnen wollen? Immerhin geben wir uns freiwilliger denn je in die Hände irgendwelcher „Beaufsichtigungs-Apparate“. Teuwsen bringt, nicht ganz zu Unrecht, auch das Bild der schnell wachsenden Schar von Juristen auf den Tisch, die mit Kanzleien, immer mehr aber auch direkt in den Chefetagen von Firmen und Verwaltung das Sagen übernehmen.


19. September 2015, Visualisierung

Soziales Netzwerk als neuer Rohstoff

Die „Finanz und Wirtschaft“ hat in ihrer Galerie „Was zählt“ anhand einer Grafik eindrücklich dargestellt, was Rohstoff bedeuten kann. Die fünf grössten Bergbaukonzerne der Welt bringen weniger Marktkapitalisierung auf die Waage als Facebook alleine!

Würde Facebook ausfallen, gäbe es weltweit für einen Moment verdutzte Gesichter, würden Rohstoffe wegfallen, stünde die Welt still! Meinte auch Ivan Glasenberg, CEO von Glencore…


17. September 2015, Migration

Wachsen mit und dank Flüchtlingen

Europäische Staaten inklusive der Schweiz hätten genügend Einkommen und das Geld, die Krise rund um Flüchtlinge zu meistern - aber auch die ethische Basis der Gesellschaft, sagt Ian Goldin, Oxford-Professor und ehemaliger Direktor und Vizepräsident der Weltbank. Wir lebten in einer Demokratie, wir glaubten an Menschenrechte und wir sähen ein Menschenleben als höchstes Gut.

Von Politikern erwartet er in dieser Situation, dass sie sich nicht hinter der öffentlichen Meinung (oder dem, was dafür gehalten wird), verstecken, sondern ihre Rolle als Autorität wahrnehmen, auch auf moralischer Ebene.

Für Golding bietet die Schweiz gute Voraussetzungen, um mit den Flüchtlingen zusammen einen Weg aus der Krise zu finden. Sie könnte in Fragen der Produktivität und drohenden Überalterung aus vielerlei Gründen gar profitieren. Wobei der Nutzen für beide Seiten, die Schweiz wie für die Flüchtlinge nicht allein nur in Franken und Rappen gemessen und bewertet werden dürften. Wichtig dabei sei auch die Sicht auf längere Frist, darum müsse in einer besonderen Situation auch zuerst mal das Beste daraus gemacht werden.

Denn eines zeige die Erfahrung: Hoffnung gebe immer wieder die Tatsache, dass sich die ganze Welt immer wieder Mal und auf meist unerwartete, „unglaublich faszinierende“ Weise verändere. Die Erfahrung aber zeigt auch, dass Flüchtlinge, wenn sie denn nachhause gehen könnten, auch gehen würden. Bis es soweit sei (was sehr lange dauern dürfte), müssten sie integriert werden und arbeiten können. Zum Nutzen aller.


10. September 2015, Krieg und Migration

Flüchtlinge als kalkulierende Subjekte begreifen

Fragen rund um die Flüchtlingskrise ökonomisch zu betrachten, ist nicht sehr beliebt. Die Handelszeitung spricht in ihrem Artikel gar von einem Tabu. Doch wer den ökonomischen Blick wagt und die Erkenntnisse auch gut visualisiert, erhält unerwartete Einblicke in Möglichkeiten, gute Lösungen zu finden.

Die ökonomische Brille aufzusetzen, bedeute, Flüchtlinge (und in der Folge auch Schlepper) als kalkulierendes Subjekt zu begreifen. Und das verhelfe zu einer besseren Politik! Etwa, indem man Bedürfnisse aus dem heimischen Arbeitsmarkt mit Möglichkeiten der Beschäftigung von Asylsuchenden und Migranten zu kombinieren sucht. Ökonomie der Flucht: eine erhellende Betrachtungsweise.


27. August 2015, Verhaltensökonomie

Von weissen und andern Lügen

Die meisten Menschen lügen, bei der Arbeit etwas weniger als im Privatleben. Teamarbeit macht aus uns grössere Lügner. Und bei der Arbeit sollte gegenüber dem Lügen die Null-Toleranz gelten. Das sagt der Verhaltensökonom und Lügenforscher Dan Arley im Interview mit der Handelszeitung.

Bei der Arbeit benutzten die Menschen weniger kleine Lügen, sogenannte weissen Lügen, mit denen man andere Menschen schützen wolle. Dabei spiele die Art der persönlichen Beziehung und Nähe eine wichtige Rolle.

Auch wenn weisse Lügen an sich tolerierbar wären, würden Lügen  doch immer und oft rasch Langzeitfolgen haben: man gewöhne sich daran und setzte sie immer dreister ein. Darum sollte Null-Toleranz gelten, von Beginn weg, sagt Arley.


26. August 2015, Internet der Dinge

Das Internet der Dinge neu bewerten

Und die Produktivität steigt doch, es dauert nur etwas länger, bis dies geschieht und auch nachweisbar ist. Das Internet der Dinge gehört zu den Hype-Technologien: Alle reden davon und investieren gross, doch echter Produktivitätsfortschritt will und will sich nicht einstellen. Dieses Phänomen eines Produktivitätsparadoxon ist bekannt. Und widerlegt, wie Martin Neil Baily in seinem Artikel in der „Finanz und Wirtschaft“ schreibt.

Laut Baily wird sich die Produktivität dann verbessern, wenn die Firmen ihre Produkte und Anlagen nicht nur mit Prozessoren und Effektoren ausrüsten, sondern die Zusammenarbeit all dieser Dinge über Prozesse ermöglichen, verbessern und auch in erneuerten Geschäfts- und Betriebsmodellen abbilden. Oder die Standardisierung fördern. Oder bis Massnahmen zu Datensicherheit und –schutz oder Investitionszyklen in Infrastrukturen zu greifen beginnen. Um das Potential des Internets der Dinge mit all diesen Massnahmen zu nutzen, bedürfe es also vor allem organisatorischer Neuerungen.


24. August 2015, Gesundheit

Schlaf – Helfer des Lebens

Warum hat die Evolution das gefährliche Verhalten des Schlafens nicht ausgemerzt? Unter anderem darüber sinniert der Biochemiker Gottfried Schatz, emeritierter Professor der Uni Basel, wenn er nach des Rätsels Lösung für den Sinn des Schlafens sucht. Für ihn die interessanteste Erklärung dafür, dass wir das Bedürfnis haben nach den üblichen (und gesunden) 8 Stunden Schlaf, ist, dass ein schlafendes Gehirn das im Wachzustand Erlebte wiederholt und konsolidiert, Nebensächliches hingegen löscht und so Platz schafft für neue Erinnerungen.

Schlaf erlaubt also dem Menschen, erworbenes Wissen entweder zu löschen oder aber langfristig zu speichern. Leider erfülle in der westlichen Gesellschaft nur etwa jeder zweite Erwachsene sein Schlafpensum, darum litten viele Menschen an chronischem Schlafdefizit, so Schatz. „Dieses beeinträchtigt Kommunikations-, Entscheidungs- und Lernfähigkeit, den Hormonstoffwechsel sowie die Wirksamkeit des Immunsystems“. Schlaf sichere also die Lebenskraft.

Schlaf sei ein Zufluchtsort, den wir oft herbeisehnten, wenn das Wachen uns bedrücke. Das Geheimnis des Schlafes aber werde sich wohl noch lange dem Licht der Wissenschaft entziehen.


19. August 2015, Medizinethik

Moderne Medizin und persönliche Entscheidungen

Krankheit ist komplex. Gene spielen eine wichtige Rolle, sind aber nur ein Teil des Puzzles; der Umgang mit ihnen ist darum auch nicht ganz so furchterregend, meint die Ethikerin Effi Vayena von der Uni Zürich im Interview mit der NZZ. Aber die Gesellschaft sei grundsätzlich noch wenig vorbereitet auf die drastischen Veränderungen, die die moderne Medizin, kombiniert mit Big Data, mit sich bringe. Diese stütze sich weniger auf Hypothesen und mehr auf Datenanalysen.

Es brauche neue Modelle in der Gesellschaft, um mit Gesundheit und Krankheit neu umzugehen und dem Einzelnen dabei auch Wahlfreiheit zu gewährleisten. Personalisierte Medizin werde viel Gutes bringen, doch die negativen Begleiterscheinungen müssten sorgfältig beachtet und verhindert werden.

Neue Gesetze würden Zeit brauchen, zu Recht, wie Vayena sagt. Was es darum brauche, um Forschung zu betreiben und Daten zu nutzen und dabei den grossen Veränderungen nicht unvorbereitet gegenüber zu stehen, wären klare Verhaltensnormen. Dafür möchte sie mit ihrem Forschungsprogramm ethische Richtlinien und Empfehlungen für Politik und Gesellschaft entwickeln und formulieren.


10. September 2015, Gesellschaft

Psychogramm der Schweizer Berufseinsteiger

Was erwarten Studierende und jungen Berufstätigen heute? Davon handelt die Studie „Universum Professional Research Schweiz 2015“. Fazit: Viel Work-Life-Balance, viel Respekt, viel Kreativität, aber sie wollen nicht im Ausland arbeiten! Der Drang nach Unabhängigkeit steige, doch damit auch die Ansprüche an Unternehmen und deren Umgang mit Mitarbeitenden.

Interessant sind vor allem die Empfehlungen für Führungskräfte, wie sie auf die neue Generation von Mitarbeitenden reagieren sollten. Die Handelszeitung listet aufgrund ihrer Recherchen folgende Punkte auf:

  • Generationen unterschiedlich behandeln, entlang ihrer je eigenen Werte. Das heisst: gut kommunizieren und Mitsprache ermöglichen

  • Gefragt ist ein neuer Führungsstil: Das sogenannte transformationale Führen bedinge eine Vision oder übergeordnete Ziele, die für alle einsehbar und verständlich sind und zu denen alle Mitarbeitenden täglich beitragen könnten

  • Gerade KMU mit ihrer überschaubaren Grösse würden dem Wunsch nach Sinn, Transparenz und Handlungsspielraum oft leichter gerecht als grosse Firmen. Auch sei bei KMUs eine werteorientierte Führung heute noch weiter verbreitet.

3. September 2015, Digitalisierung

Sich die eigene Welt drucken

Weltweit sind 3-D-Drucker mit unterschiedlichen Druckmethoden im Trend. Neue Materialien und Techniken für neue Anwendungen werden laufend gefunden und erprobt. Geeignet ist 3-D-Drucken vor allem für Prototypen und Kleinserien, wo damit viel Zeit und Geld gespart wird und gleichzeitig neue Einsichten und Erfahrungen gewonnen werden können.

Gedruckt wird vom Hörgerät über Esswaren und Bauteilen von Airlines bis zu Prothesen und Übungsmodellen für die medizinische Praxis. In einer Serie berichtet der TagesAnzeiger über vernetzte Gesellschaften, automatisierte Industrien und Roboterwelten. Über Welten also, wo Arbeitskräfte immer öfter auch das Nachsehen haben.


26. August 2015, Neuropsychologie

Kurz ist die subjektive Wahrnehmung von Gegenwart

Ganze 3 Sekunden dauert die Zeit, innerhalb derer ein Mensch das, was geschieht, als Gegenwart wahrnimmt. Das zeigen die phänomenologischen Studien des deutschen Hirnforschers Ernst Pöppel. Und neuerdings glaubt er auch, diesbezüglich Unterschiede zwischen Mann und Frau ausgemacht zu haben: Die zeitliche Organisation im Gehirn verlaufe bei Männern statischer als bei Frauen.

Immerhin schaffen es Frauen und Männer, sich trotzdem koordiniert zu unterhalten. Die Erkenntnisse aber dürften für die Kommunikation zwischen Mensch und Maschine, also Robotern, sehr wichtig werden. Die weibliche Art des Kommunizierens müsse wohl stärker als heute beim Programmieren der Roboter einfliessen, meint Pöppel.

Doch zuvor, so Pöppel, müsse die Erkenntnis des 3-Sekunden-Wahrnehmungsfensters zuerst im Mainstream der Wissenschaft ankommen. Dort werde noch immer nicht unterschieden zwischen inhaltsbezogenen und logistischen Funktionen. Aber Multitasking gebe es fürs Gehirn schlichtweg nicht, denn es könne Aufgaben immer nur nacheinander angehen. 


25. August 2015, Medienstrategien

Demokratiepolitisch sind die Perspektiven nicht erfreulich

Der Austritt von Ringier aus dem Branchenverband Schweizer Presse sei mehr als eine momentane Stimmungstrübung in einem Verbandsvorstand, schreibt Felix E. Müller in seinem jüngsten Kommentar in der NZZ am Sonntag. Er markiere vielmehr […] eine Zäsur: den Anfang des Endes des bisherigen Schweizer Mediensystems.

Die Digitalisierung verändert die Welt, das Internet vermittelt den Eindruck, alles sei gratis zu haben, Google und Facebook absorbieren immer mehr (Online-)Werbegelder: da müssen sich Firmen neue Ideen zurechtlegen, wie sie denn überleben und Erlöse generieren wollen.

Offenbar „nicht mehr primär aus der Publizistik“, schreibt Müller. Er sorgt sich denn auch um die Folgen für unsere Demokratie – und nimmt schliesslich die Medienpolitik der Schweiz in die Pflicht: Vielleicht sollten nicht einfach nur die Unternehmen, sondern sollte vorab „ die Medienpolitik in diesem Land innovativer werden“


23. August 2015, Coaching

Warum ausharren am falschen Ort?

Auch Führungskräfte suchen Sinn in ihrer Arbeit und bedürfen der Wertschätzung. Tagtäglich. Doch was, wenn sie ihren Job zunehmend als Zumutung und den Lohn nur noch als Schmerzensgeld erfahren? Das fragt Winfried Prost, erfahrener Coach, in seinem Beitrag zur Angst der Manager vor dem Loslassen.

Wer mit immer grösserem Aufwand versuche, die von oben gesteckten Ziele zu erreichen, und wer dann noch beim Arzt lande und mit der Diagnose Erschöpfungsdepression dastehe, gerate am Ende und entgegen alle Erwartungen immer noch mehr unter Druck. „Die Ohnmacht bei gleichzeitiger hoher Arbeitslast führt – je nach Temperament – zu Unzufriedenheit, Wut, Zynismus, Selbstzweifel oder Resignation. Die Diagnose verstärke diese Gefühle nur noch. 

Ein Ende nimmt diese Spirale nur, wenn Betroffene ausserhalb dieses klassischen Weges Hilfe holten. Jeder müsse diesen Weg zwar selbst gehen, müsse dabei aber nicht allein bleiben, meint Prost und spricht von der guten unter den schlechten Nachrichten! Gute Coaches unterstützen und ermutigen einen darin das zu tun, was man eigentlich schon immer tun wollte, sich allein aber nicht zu tun getraute - um bald schon aus seiner Mitte heraus (ex centra) wirkungsvoll zu agieren.


22. August 2015, Megatrends

Die Veränderungsströme dieser Welt

Anbieter von Veranstaltungen aller Art haben grundsätzlich die Aufgabe, sich in ihre Kunden hineinzudenken und dann mit Hilfe von Anreizen und Veranstaltungen die bestmögliche Verbindung zwischen ihren Kunden und deren Zielgruppen zu finden und zu aktivieren.

Die Handelszeitung beleuchtete jüngst (HZ, 20. August 2015, S. 51) den Einfluss der wichtigsten globalen Megatrends auf die hiesige Veranstaltungsbranche. Dabei verweist sie unter anderem auf die Megatrend-Map 2.0 des Zukunftsinstituts. Eine sehr gelungene Darstellung, die bei Betrachtern doch so einiges auszulösen vermag.

im Übrigen haben auch Veranstalter mit der Frage zu kämpfen, ob denn der dauernde Zugang zu Personen, Daten und Nachrichten und deren sofortige Aufbereitung und Wiedergabe rund um Vorträge, Podien, Workshops und Netzwerktreffen sinnvolles Denken, Nachdenken und Debattieren überhaupt noch ermögliche.

Fazit: Wer als Veranstalter alles mitmachen und sich gegen die Konkurrenz durchsetzen wolle, sich also „ausschliesslich im Bewerbungsritual beweg[t], [kann … seine] Zukunft nicht mehr eigenständig sichern und dürft[e] ohne eigenständigen und richtgien USP (Unique Selling Proposition) kaum überleben – auch das ein globaler Megatrend.“


19. August 2015, Literatur

Literatur in Zeiten multimedialer Beschleunigung

Der Wert der Literatur in einer Epoche, in der sich die Inhalte immer mehr medial verflüssigten, bestehe darin, dass sie einen Ruhepol der Langsamkeit schaffe, Phantasie äufne und den Blick schärfe dafür, was die Welt im Innern zusammenhält, schreibt Björn Hayer im Feuilleton der NZZ.

Da stehen dann Sätze wie: „Kein Medium hat andächtiger vom Staunen des Betrachters angesichts des Sternenhimmels gesprochen als die Literatur.“ Oder: „ Das Internet gibt unserer Existenz einen Rahmen, aber die Literatur gibt ihr einen Grund.“

In der Literatur nehme das Wissen um Geburt und Tod, Transzendenz und Vergeblichkeit sprachliche Gestalt an. Es ereignet sich Schönheit, wie man sie weder in Blogs noch in Postings finde. Gedruckte Texte würden noch etwas liefern, das sie von der Medienkonkurrenz unterscheiden würden: „Sie geben dem Unsichtbaren Raum, erzählen von Geheimnissen, ohne deren Aura zu zerstören. - Bedenkenswert!


17. August 2015, Bildung

Universitäten tendieren zu Fusionen

Wie Unternehmen überlegen sich auch immer mehr Universitäten, ob sie sich mit Partnerinstitutionen zusammenschliessen sollen, um im gegenseitigen Ringen um talentierte Studierende, herausragende Professoren, qualifizierte Mitarbeitende oder schlicht um Fördermittel besser behaupten zu können.

Fusionen im europäischen Raum nehmen deutlich zu, wie Zahlen belegen. Sparen ist dabei offensichtlich nicht das primäre Ziel, es gehe laut Studien vielmehr darum, die Qualität zu steigern oder historisch gewachsene Sonderfälle zu beseitigen. In der Schweiz dürften Fusionen weniger leicht umzusetzen sein, hingegen dürften vermehrt gezielt aufgebaute kooperative Netzwerke zwischen Teilen von Universitäten oder innerhalb von interdisziplinären Forschungsprojekten grössere Chancen haben.


16. August 2015, Wahlpsychologie

Die Psyche der Wähler

Wissenschaftler der Uni Bern haben anhand einer Befragungen von Wählerinnen und Wählern errechnet, wie die Präferenz der Parteien der Befragten zusammenhängt mit deren Persönlichkeitsstruktur. Dabei wird die einzelne Persönlichkeit auf fünf aus der Psychologie bekannte Begriffe zurückgeführt: Neurotizismus, Extraversion, Offenheit für Erfahrungen, Gewissenhaftigkeit und Verträglichkeit.

Die in Analogie zum Spinnennetz dargestellte Psyche der Wähler hinsichtlich der jeweils bevorzugten Partei findet sich in:


8. August 2015, Medien und Qualität

Auch Massenmedien müssen Position beziehen

Es wäre einfältig zu glauben, dass über alles berichtet werden muss. Wer seine Rechte und Werte verteidigen wolle, müsse mit Information vorsichtiger umgehen, meint der Philosoph und Informationsethiker Luciano Floridi von der Universität Oxford im Interview mit der NZZ. Er fürchte den New-Teufelskreis, wo immer weniger objektiv informiert und Nachrichten immer mehr zur Konkurrenzsache würden.

Ihn überzeuge die Devise nicht, dass alles neutral sei; dass es also im Falle der „alten“ Massenmedien  nur eine objektive Berichterstattung brauche. Oder dass es im Falle der neuen Medien keine Einmischung in den Betrieb der digitalen Plattformen bedürfe.

Es brauche mehr: Fakten müssten nicht nur präsentiert, sondern auch eingeordnet und interpretiert werden. Vor allem soziale Medien müssten rasch eine viel grössere Verantwortung übernehmen. Denn sie würden jene „Infosphäre“, jenes Umfeld einer digitalen Kommunikationswelt schaffen, in welchem wir am meisten Zeit verbringen.

Dazu bräuchten wir eine transatlantische Einigung darüber, wie wir mit den Social Media umgehen wollten, neue rechtliche Strukturen und neue ethische Normen. „Gesetze verbieten gewisse Handlungen, aber es gibt auch Dinge, die wir nicht tun oder nicht tun sollten, weil es sich nicht gehört.“


15. Juli 2015, Internet der Dinge

Gesagt

„Es kommt darauf an, wie die Daten verwendet werden", antwortet Viktor Mayer-Schöberger, Professor für Internet-Verwaltung und –Regulierung an der Universität Oxford, auf die Frage, ob die Datenhaufen einer Smart City, also einer inteligenten Stadt der Zukunft unsere Freiheit einschränken würden (in: Bild der Wissenschaft 7/2015, S 88). "Benutzen wir [die Daten], um unser Leben zu verbessern? Passen wie also das System an den Menschen an? Oder sortieren wir risikobehaftete Menschen aus? […] Wir können das mit nationalen, maximal europaweiten Gesetzen regeln. Denn wichtig ist nicht, wer die Daten hat, sondern welche Entscheidungen eine Gesellschaft mit ihnen treffen will. Das liegt nicht in der Hand von grossen Unternehmen in Kalifornien, sondern in der des Bürgermeisters von Hintertupfingen.“


30 Juli 2015, Coaching

Vorsicht: Achtsamkeit überall!

Psychologen und Anbieter von Seminaren für Manager und andere gestresste Mitbürger halten weltweit Menschen zur Achtsamkeit an. Auch Stapel voller Bücher und Apps zum Thema zeugen vom Boom, der aus Amerika stammt.

Achtsamkeit als eine besondere Form bewusster Selbstwahrnehmung im Kontext von Buddhismus und Meditation hat Tradition. Und macht so auch Sinn. Doch auf Knopfdruck, sprich: mit einem einfachen Trainingsprogramm fürs Wohlgefühl oder mit etwas Geld für Therapieübungen in der Gruppe, ist kein Erfolg zu haben, weder im Persönlichem noch im Beruflichen.  

Die NZZ am Sonntag und Das Magazin des Tages-Anzeigers haben die Sommerzeit genutzt und mit wissenschaftlich geschärftem Blick (NZZaS) respektive mit einem Bericht zu einem Selbstversuch von Maurus Federspiel (Das Magazin) den Achtsamkeitsboom schonungslos entlarvt.

Schon im Januar hat Julia Friedrichs im Magazin der „Zeit“ gefragt, warum viele Menschen sich selbst schon genug sind und drängende Fragen der Gegenwart verdrängen würden. -  Sich abschotten hilft definitiv kaum, schon eher zupacken, sich aufregen, kämpfen. Und dann mal wieder achtsam sein, sich Zeit nehmen und klug nachdenken. Um schliesslich entspannt zurückzulehnen.


30.Juli 2015, Führung

Change Management: Bitte keine Helden

Die einzige Konstante ist der Wandel. Postulieren auch die Unternehmensberater. Sergio Aiolfi nimmt sich in der NZZ dem Begriff „Change Management“ an und konstatiert, dass die Beratungsliteratur in der Regel vom „Modell des allwissenden Anführers [ausgeht], der die Mitarbeiter nur noch von der Richtigkeit des von ihm gewählten Wegs überzeugen muss.“

Wie der Chef zu seinem überlegenen Wissen komme, sei eine Frage, die offenkundig niemand interessiere. Demgegenüber erwarte die Wirtschaftswissenschaft keine Helden, sondern Kenner der eigenen Firma bezüglich Organisation, Prozesse, Herkunft oder Fähigkeiten des Personals.

Mit andern Worten: „Das Wissen, das der Change Manager braucht, um Veränderung zu bewirken, steckt in der Firma selber“. Gefragt wären demnach keine Helden, sondern gute Zuhörer.

Dem bleibt nichts anzufügen.


28. Juli 2015, Führung

Gewinn als Motiv für CEOs ist kontraproduktiv

Wer viel leistet, verdient viel. Reine Gewinn-Boni aber setzen falsche Anreize. Unternehmen, die die Manager-Boni hauptsächlich vom Gewinn abhängig machen, wachsen dreimal langsamer als Firmen, die auf einen Mix von Kennzahlen setzen.

Das besagt eine Studie des Beratungsbüros Agnès Blust Consulting, die die Vergütungspraktiken von an der Schweizer Börse kotierten Unternehmen untersucht hat. Die NZZ am Sonntag berichtete darüber.

Sowohl Gewinne wie auch die Renditen von Aktien jener Unternehmen, die Leistung nach Gewinn und nicht nach einem Mix von Kennzahlen zu Gewinn und Wachstum vergüten, fallen geringer aus. Eigentlich logisch: Gewinnziele lassen sich kurzfristig steuern, etwa durch rasches gezieltes Sparen! Was den Gewinn kurzfristig erhöht. Investitionen, Innovationen und Wachstum dagegen bedingen Ausgaben, eine längere Sicht und mehr Geduld bis zum Erfolg. Es gibt sie, die besseren Beispiele…


28. Juli 2015, Medien

Die Welt aufgeteilt in sechs Mediensystem-Modelle

Roger Blum, emeritierter Professor für Kommunikations- und Medienwissenschaft, wagt es: Er teilt die Welt auf in nur sechs Modelle von Mediensystemen. Modellbildend sind die Systeme aus China, Iran, Russland, Italien, Grossbritannien und die USA. Die Schweiz subsummiert er unter dem Modell Grossbritannien.

Blum nennt elf Kriterien, nach denen die Zuteilung von Staaten und deren Mediensystemen zu den Modellen möglich werde. Und er zeigt auf, dass Religionszugehörigkeit, Sprachsituation, Bildungsgrad, Grösse der Medienmärkte oder auch der Grad der Medienvielfalt kaum bestimmend sind.

Schliesslich untersuchte er die Treiber, die einen Wechsel von einem System in ein anderes ermöglichen können, etwa vom Klientel- in ein Public-Service-Modell. Es sind dies: Fundamentale Veränderung des politischen Systems einschliesslich der Bedeutung der Menschenrechte, ökonomische Veränderungen – zum Positiven wie zum Negativen – sowie die Grenzen sprengende Globalisierung. Dabei, und das ist besonders interessant, bewirke die Globalisierung mit ihren weltweit agierenden Mediengiganten nicht, dass nationale Mediensysteme aufgegeben werden müssten.


20.Juli 2015, Digital Humanities

Big Data drangsaliert die Geistes- und Sozialwissenschaften

Die neuen digitalen Werkzeuge mit den schier unbegrenzten Möglichkeiten, alle Arten von Daten zu speichern, zu verwalten, zu verknüpfen und auszuwerten, könnten helfen, den Sozial- und Geisteswissenschaften endlich wieder mehr öffentliche Aufmerksamkeit zu verschaffen. Denn heute tun sich die Humanwissenschaften allgemein schwer, ihren „Nutzen“, also ihre kulturellen Leistungen verständlich zu machen.

Für die Anhänger der Digital Humanities sind diese nichts weniger als die neue Disziplin, die die Geistes- und Sozialwissenschaften revolutioniert. Differenzierter sieht dies Urs Hafner in seinem Feuilleton-Artikel in der NZZ: er möchte die grosse Aufregung um die Digital Humanities relativieren. Aufgrund einer medienhistorischen Betrachtung sieht er in den neuen digitalen Werkzeugen eine Technik, ähnlich wie seinerzeit beim Buchdruck. Die Technik erleichtere den Wissenschaften die Arbeit, stelle aber auch neue Fragen.

Es gelte, sicher mehr zu wissen über die Technik und deren Möglichkeiten und Grenzen im direkten Umgang; im besten Falle aber könnten Digital Humanities den Wissenschaften helfen, sich auf deren Stärken zu besinnen: das Lesen (von Texten und darüber hinaus), das Nachdenken und Fragestellen.